Dienstag, 6. Oktober 2009

Urkostmythen

Anlässlich eines aktuellen Vorfalls wo (mal wieder) ein Kind dank Urkost erkrankt ist möchte ich einige der Mythen die von Frau Rondholz gebracht werden „korrigieren“. Sie benutzt zwar teilweise wissenschaftliche Quellen, wobei sie diese wohl maximal quergelesen hat. Ansonsten wüsste sie, dass man B12 supplementieren muss. An den Stellen wo es eigentlich interessant wird werden dann aber keine Quellen gebracht.

Zum Artikel „B-12 Mangel ist ein Produkt der Zivilisationskost - mit Urkost seid Ihr auf der sicheren Seite!“ von Brigitte Rondholz:


Punkt 1:

„An einem Mangel an Vitamin B12 leiden häufig Menschen, die oft tierische Produkte essen, die eigentlich reich an B12 sind. Das berichten Forscher im “American Journal of Clinical Nutrition” (Bd. 74, S. 157) nach einer Untersuchung im indischen Staat Maharashtra.“

Der genannte Artikel geht im Wesentlichen auf das Problem der Diagnostik eines B12 Mangels ein. Er bezieht sich dabei auf ein Paper [1] in welchem Teile der Bevölkerung des Staates Maharashtra in Indien untersucht wurden. Dabei wurde bei einem Großteil Anzeichen eines B12 Mangels gefunden (erhöhte Homocystein/MMA-Werte). Dies lag teilweise an der vegetarischen Ernährungsweise, aber nicht nur. Der Autor im von Frau Rondholz genannten Artikel kritisiert die Vorgehensweise mit der die Untersuchung durchgeführt wurde. Er ist der Meinung, dass:

- die erhöhten HCys-Werte nicht nur durch B12, sondern auch durch Folatmangel entstanden sein können
- es keine Referenzwerte für Inder bezüglich HCys/MMA vorhanden sind, so dass evtl. bei einem größeren
   Teil der Bevölkerungsgruppe ein Mangel vorgelegen haben könnte
- Armut, die in Indien relativ häufig, zu Mangelernährung führt

Dass Menschen die häufig tierische Produkte essen eher B12 Mangel bekommen als andere, lässt sich in dem Artikel allerdings nicht finden. Im Gegenteil heißt es:

„It has been known for > 3 decades that vegetarians in India have lower serum cobalamin concentrations than do nonvegetarians, with the lowest concentrations being in vegans . This is because cobalamin is only produced in nature by cobalamin-producing microorganisms; therefore, humans must receive cobalamin in their diets—primarily from meats and less so from eggs and dairy products"

Ergo: In Indien ist seit langem bekannt, dass Vegetarier und besonders Veganer niedrige B12 Werte haben und dass man seinen B12 Bedarf über tierische Produkte decken muss (Wenn man Veganer ist, geht dies natürlich auch mit angereicherten Lebensmitteln/Supplementen ; )

Wie bereits erwähnt wurden im eigentlich relevanten Paper von Refsum et.al. Anzeichen von B12 Mangel bei allen Bevölkerungsgruppen gefunden, egal ob Vegetarier oder nicht. Allerdings war der Anteil bei den Vegetariern signifikant größer. Sie hatten auch durchschnittlich höhere HCys und MMA-Werte (jedoch statistisch nicht signifikant). Der B12 Wert korrelierte ebenso mit dem Verzehr an Tierprodukten (je mehr Lamm, Geflügel, Eier gegessen wurden umso höher der B12 Spiegel). Warum die Nicht-Vegetarier trotzdem relativ oft einen Mangel hatten könnte an ethnischen Unterschieden im B12-Metabolismus (z.B. im Vergleich zu Europäern) oder auch an Krankheiten wie tropischer Sprue liegen. Diese tritt in Indien oder anderen (sub)tropischen recht häufig auf und führt u.a. zu Malabsorbtion von Vitamin B12.
Die Behauptung von Frau Rondholz „an einem Mangel an Vitamin B12 leiden häufig Menschen, die oft tierische Produkte essen“ lässt sich  jedoch nicht halten.


Punkt 2:

„B12 wird weder von Tieren noch von Pflanzen produziert. Es wird nur von Mikroorganismen, wie Bakterien und Algen, hergestellt. B12-produzierende Organismen bleiben auf Wildpflanzen natürlich erhalten. Übertriebene Hygiene wirkt da also kontraproduktiv.“

Richtig ist: Vitamin B12 wird NUR von Bakterien hergestellt, auch Algen stellen kein Vitamin B12 her. Manche brauchen es allerdings für ihren Metabolismus und nehmen es daher von außen auf. Wobei hier die Algen auch häufig mit für Menschen inaktiven B12-Analoga auskommen. Selbiges gilt für potentiell B12 bildende Organismen auf Wildpflanzen. Es wurde nie untersucht wieviel aktives B12 auf/in Pflanzen vorhanden ist sondern es wurden immer Verfahren verwendet die Analoga mitmessen. Die Summe an Corrinoiden (= aktives + inaktives B12) ist auf Blättern in der Regel nahe Null! In Wurzeln können teilweise höhere Konzentrationen auftreten und in Wurzelhärchen von Leguminosen noch höhere. [2],[3] Wie gesagt kann es sich dabei auch nur um inaktive Analoga handeln und ich schätze nicht, dass Urköstler regelmäßig Wurzelhärchen in größeren Mengen essen. Auch ist mir keine wissenschaftliche Publikation bekannt wo jemand über Wildpflanzen seinen B12 Bedarf gedeckt hätte. Die Spuren die sich an den Blättern o.ä. befinden sind nicht etwa die Spuren an B12 die ein Mensch täglich braucht, sondern allenfalls Spuren dieser Spuren. Auch durch Nicht-Waschen der Wildpflanzen nimmt man keine signifikanten Mengen an B12 zu sich.


Punkt 3:

„Die Hauptursachen für einen Vitamin-B12-Mangel sind entweder eine gestörte Aufnahme des Vitamins im Darm oder die mangelnde Zufuhr über die Nahrung (was bei Urköstlern auszuschließen ist)“

Auch dies ist nur teilweise richtig. Einmal gibt es nicht den geringsten Beweis, dass Urkost vor B12 Mangel schützt (eher im Gegenteil). Hauptursache für einen B12 Mangel in der hiesigen Bevölkerung ist durchaus mangelnde Absorption im Darm o.ä. Für gewisse Untergruppen wie Veganer oder Urköstler gilt dies auch. Allerdings sind diese Ernährungsformen praktisch B12 frei sofern nicht supplementiert wird. So das als Ursache eines Mangels neben Absorptionsproblemen vor allem eine zu geringe Aufnahme über die Nahrung in Frage kommt


Punkt 4:

„Forschungen haben ergeben: Es findet eine körpereigene Vitamin B12-Produktion im unteren Dünndarm und Dickdarm beim Menschen statt, wenn er gesund ist. Viele Fleischesser sind es nicht und haben DESWEGEN einen B-12-Mangel! Dr. Dr. Probst und Prof. Herbert haben darüber ausreichend geforscht und“

Dass B12 im Dickdarm hergestellt wird, ist durchaus richtig ob/und wieviel im unteren Dünndarm hergestellt wird ist allerdings weniger erforscht bzw. wurden Verfahren verwendet die ebenso inaktive Analoga erfassen. Auch ist bis heute niemand bekannt der durch die Eigensynthese im Darm seinen B12-Bedarf gedeckt hätte. Prof Herbert schreibt in seinem Artikel zwar von schlechter Hygiene bzw. Spuren von Fäkalien die als B12 Quelle in Frage kommen [4]. Dabei beruft er sich auf eine Studie von Halsted et.al. [5] wo iranische Veganer untersucht wurden und kein B12 Mangel festgestellt werden konnte. Als Ursache gibt Herbert die Düngung des Gemüses mit menschlichen Fäkalien an welches dann, teilweise ungewaschen, verzehrt wurde und so als B12 Quelle gedient haben könnte.
Das Problem: in der von Herbert zitierten Studie findet sich kein Wort von den Iranern. Allerdings findet sich eine andere Studie von Halsted [6] wo Iraner untersucht wurden. Dort wurden allerdings keine Veganer, geschweige denn Vegetarier untersucht sondern zwei Populationen mit unterschiedlich großem Verzehr an Tierprodukten. Dabei aß die Gruppe mit dem niedrigsten Anteil an Tierprodukten ein- bis zweimal pro Woche ein joghurtähnliches Produkt namens Mast und ca. einmal im Monat Fleisch. Trotzdem war ihr B12 Spiegel „nur“ etwa 25% niedriger als der der Gruppe welche öfters Mast und mehrmals die Woche Fleisch aß. Es wurden ebenso keine Mangelerscheinungen (megaloblastäre Anämie) aufgefunden. Als möglichen Ursachen gibt Halsted folgende Gründe an:

- die B12 Aufnahme war trotz des geringen Konsums an Tierprodukten angemessen
- Folsäure könnte die megaloblastäre Anämie verhindert haben
- Synthese im Darm könnte ein Rolle spielen (wobei er selbst sagt, dass es dazu nicht genug Forschung gibt)
- da die Bewohner der Dörfer mit ihren Tieren oft auf engem Raum zusammenlebten kann es durch
   Verschmutzung mit den Fäkalien der Tiere zu einer gewissen B12 Aufnahme gekommen sein

Eine weitere, von ihm nicht bedachte Möglichkeit ist das Analyseverfahren welches er zur Bestimmung des B12 Spiegels verwendet hat. Für die Bestimmung des B12 Gehalts von Weizen aus einigen der Dörfer wo die untersuchten Personen lebten hat er ein Assay mit Lactobacillus leichmannii verwendet welches ebenso inaktive Analoga erfasst. Dabei wurde auch ein gewisser B12 Gehalt festgestellt. Die selben Proben hat er mit einem genaueren Assay (Ochromonas malhamensis) untersucht, wobei kein Anteil an Vitamin B12 gefunden werden konnte. Allerdings hat er zur Analyse der Blutproben nicht die genauere Methode verwendet sondern das Verfahren mit Lactobacillus leichmannii. Daher kann es sein, dass der richtige B12 Spiegel in beiden untersuchten Gruppen niedriger war als der von ihm gemessene Wert.

Zurück zu Prof. Herberts Artikel:
Seine Ansicht ist nicht etwa, dass Urkost/Veganismus ohne Probleme möglich ist und man nicht auf B12 achten muss. Sondern:

„The vegan diet, if it is a diet exclusively of products that grow out of the ground, which are then well washed, contains no vitamin B-12 except trace amounts in some rhibozium-bacteria-containing root nodules. Careful studies from England on several hundred vegans showed that they all eventually get vitamin B-12 deficiency disease with anemia and pancytopenia, low white counts, low red counts, low platelet counts, and slowed DNA synthesis. Vegans all eventually have slowed DNA synthesis, which is corrected by vitamin B-12. My advice to the vegan parents of a vegan child is that you have to provide a supply of vitamin B-12. Yeast grown on vitamin B-12-enriched medium is only the answer when some of the vitamin B-12-enriching medium is mixed in with the yeast that is eaten because the yeast itself does not contain active vitamin B-12; it contains a lot of analogues but not active vitamin B-12. Differential radioassay show that all the vitamin B-12 is accounted for by vitamin B-12-enriched medium rather than by the yeast itself. Vegans must get a source for vitamin B-12. It can be 1 µg/d of vitamin B-12 in a tablet or in something else but it has to be cobalbamin.“

Grob übersetzt:
Die vegane/urköstliche Ernährung enthält maximal Spuren an Vitamin B12. Jeder Veganer bekommt früher oder später entsprechende Mangelerscheinungen. Als Quellen eignen sich Supplemente oder Hefe der B12 zugesetzt wurde. Normale Hefe enthält nur inaktive Analoga.


Frau Rondholz  gibt als Quelle u.a. einen Artikel von Prof. Probst an. Dieser schreibt:

„Demgegenüber hat anlässlich des 1. Internationalen Kongresses für vegetarische Ernährung im März 1987 in Washington der Wissenschaftler Victor Herbert in einer Studie darüber berichtet, dass auch strenge Veganer im Allgemeinen keinen Vitamin-B12-Mangel entwickeln, da auch pflanzliche Lebensmittel trotz Säuberung über die stets vorhandenen Verunreinigungen genügend Vitamin B12 enthalten, welches im Dünndarm resorbiert wird.“

Wie Prof. Probst zu dieser Erkenntnis kam erschließt sich mir nicht, denn Prof. Herbert schreibt eher das Gegenteil (s.o.)

Weiterhin erwähnt Probst eine Studie von Sanders [7] welcher eine große Anzahl an Erwachsenen Veganern untersuchte und keine Mangelerscheinungen feststellen konnte. Allerdings wurde hier im Wesentlichen auf megaloblastäre Änamie geachtet. Anzeichen dafür konnten nicht festgestellt werden, was aber durchaus an den erhöhten Folsäurewerten der Veganer gelegen haben kann. Außerdem nahm ein Großteil der Untersuchten Tabletten oder angereicherte Lebensmittel zu sich was einen guten B12 Spiegel zur Folge hatte. Die Gruppe ohne B12 Aufnahme hatte einen ca. halb so hohen B12 Spiegel der bei einzelnen Teilnehmern durchaus im Bereich eines Mangels lag. Wären weitere Parameter wie HCys oder MMA untersucht worden, hätte man sicher eher einen Mangel diagnostizieren können.

Für die Behauptung:

„Bei Kindern treten Vitamin-Mangelzustände lediglich bei jenen Kindern auf, die in annähernd sterilen Verhältnissen grossgezogen werden, weil dann die vitaminspendenden Bakterien von der veganen Nahrung entfernt worden sind.“

nennt Probst leider keine Quelle. Es ist (mir) auch kein Kind bekannt welches durch sterile Verhältnisse einen B12 Mangel bekommen hat. Für mangelnde Aufnahme durch schlecht geplante vegane/urköstliche/rohköstli che Ernährung finden sich dagegen genügend Beispiele. [8a-h], uvm. Auch Sanddorn, Hefe oder Algen sind keine sicheren B12 Quellen da bis jetzt immer Verfahren verwendet wurden die auch inaktive Analoga mit erfassen.

Zurück zu Frau Rondholz Artikel:

Für die Behauptung, dass von außen zugeführte Bakterien oder das Essen von Erde einen (angemessenen) Beitrag zur B12 Versorgung leistet, bleibt Frau Rondholz eine entsprechende Quelle schuldig. Ebenso, dass der B12 Bedarf bei rein pflanzlicher Ernährung niedriger ist als bei einer Ernährung mit Tierprodukten. Auch Folsäure kann Vitamin B12 nicht ersetzen. Durch einen hohen Konsum kann es jedoch sein, dass erste Anzeichen eines B12 Mangels (wie megaloblastäre Anämie) nicht auftreten. Dadurch wird der Mangel für eine lange Zeit nicht entdeckt sondern es treten dann irgendwann die neurologischen Schäden auf die evtl. nicht mehr umkehrbar sind und besonders für Säuglinge/Kinder schwerwiegende Folgen haben können.

Fazit:

Vitamin B12 wird im Dünndarm aufgenommen. Die B12 Synthese findet aber im tiefer liegenden Dickdarm statt, wo kein B12 absorbiert werden kann. Bis jetzt gibt es nicht den geringsten Beweis dafür, dass durch eine "gesunde" Darmflora auch im Dünndarm B12 hergestellt und gleichzeitig absorbiert werden kann. Das heißt Vitamin B12 muss immer extern über die Nahrung aufgenommen werden. Urkost ist im Endeffekt nicht viel anderes als vegane Rohkost. Eine vegane Ernährung ohne Supplementierung ist praktisch B12 frei.Ungewaschenes (Bio)Obst/Gemüse, Erde, Sanddorn, Algen etc sind keine angemessenen Quelle für Vitamin B12 . Der B12 Gehalt in diesen Produkten ist entweder zu gering um überhaupt eine Rolle zu spielen oder es sind mit hoher Wahrscheinlichkeit inaktive Analoga vorhanden die der Körper nicht nutzen kann. Sichere vegane (und urköstliche?) Quellen sind allein angereicherte Lebensmittel (Alpro Sojamilch, Multivitaminsaft, ...) oder Supplemente (Veg 1, Solgar, Vitasprint, ...) Eine vegane Ernährung egal ob ur-, roh-, oder kochköstlich wird ohne diese Quellen auf Dauer immer in einem Mangel enden der besonders bei Kindern bleibende neurologische Schäden hinterlassen kann.


Literatur

[1] Refsum M, Yajnik CS, Gadkari M, et al. Hyperhomocysteinemia and elevated methylmalonic acid
     indicate a high prevalence of cobalamin deficiency in Asian Indians. Am J Clin Nutr 2001;74: 233–41.
[2] Comprehensive B12, S.188-191, Schneider, Stroinski de Gruyter 1987
[3] Fermente Hormone Vitamine Band III/2 Vitamin B12 und verwandte Corrinoide, S.170-174 Friedrich,
     Thieme 1975
[4] Herbert V. Vitamin B-12: plant sources, requirements, and assay. Am J Clin Nutr. 1988;48:852-8.
[5] Halsted JA, Carroll J, Rubert S. Serum and tissue concentration of vitamin B12 in certain pathologic
      states. N Engl J Med. 1959;260:575-80
[6] Halsted J. A., Carrol J., Dehghani A., Loghmani M., Prasad A. S., Serum Vitamin B12 Concentration in
      Dietary Deficiency Am J Clin Nutr 1960, 8, 374
[7]   T.A.B Sanders et al: Haematological Studies on Vegans. Brit. J. Nutr. 1978;40:9-74
[8a] Koebnick et.al. Long-term consumption of a raw food diet is associated with favorable serum LDL
       cholesterol and triglycerides but also with elevated plasma homocysteine and low serum HDL
       cholesterol in humans. J. Nutr. 2005 Oct;135(10):2372-8.
[8b] http://josef-stocker.de/vegan_irrweg.pdf
[8c] http://rohundfroh.blogspot.com/2008/11/vitamin-b12.html
[8d] http://www.urkostmitbrigitte.de/forum/viewtopic.php?f=2&t=10608
[8e] http://www.rohkostwiki.de/wiki/Konstantins_Bericht
[8f]  http://www.urkostforum.de/viewtopic.php?f=2&t=10946&start=0
[8g] http://www.urkostforum.de/viewtopic.php?f=2&t=10877#p72230
[8h] http://www.urkostforum.de/viewtopic.php?f=7&t=232&start=0
      

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